SPA Unteres Rhinluch/Dreetzer See, Havelländisches Luch und Belziger Landschaftswiesen

Wiesen, Wasser und Weite

Das Vogelschutzgebiet Unteres Rhinluch/Dreetzer See, Havelländisches Luch und Belziger Landschaftswiesen

Im Havelland | Bild: Flickr / Autor: Pascal Volk / Unter CC 2.0 Lizenz – unverändert

Das Europäische Vogelschutzgebiet (SPA) Unteres Rhinluch/Dreetzer See, Havelländisches Luch und Belziger Landschaftswiesen

Das im Rahmen der Europäischen Vogelschutzrichtlinie ausgewiesene SPA Special Protection Area liegt im Bundesland Brandenburg und erstreckt sich über eine Gesamtgröße von annähernd 13.944 ha. Es umfasst drei landschaftsbiologisch unterschiedliche Areale. Lokalisiert zwischen Mecklenburgischer Seenplatte und dem Großraum Berlin-Havelland, kommt dem dünn besiedelten Landstrich eine besondere ökologische Bedeutung zu. Offene Grünlandstrukturen kennzeichnen die junge Kulturlandschaft, deren ausgedehnte Feuchtwiesen von jeher ein wichtiger Brut-, Rast- und Überwinterungsplatz für zahlreiche Wildvogelarten sind.

Entstehung und Geschichte des Gebietes

Aufgrund seiner Lage im Niederungsbereich mehrerer Urstromtäler ist die Landschaft des Vogelschutzgebietes im Wesentlichen durch Gewässer, großräumige Feuchtwiesen und Moorflächen geprägt. Mehrere Male war der Norden Deutschlands während der Kaltzeiten von Eis bedeckt; mächtige Gletscher schufen flache oder hügelige Bodenformationen. Das abfließende Wasser der schmelzenden Gletscher hinterließ nährstoffarme Moränenlandschaften, in denen sich zahlreiche Seen und Wasserläufe bildeten, umgeben von grundwasserfeuchten Wiesen oder Mooren. Dazwischen entstanden vereinzelt Talsander oder Dünen. Derartige Sumpflandschaften werden örtlich als Luch bezeichnet.
Ab dem 18. Jahrhundert setzten meliorative Maßnahmen ein. Rodung, Entwässerung, Flussbegradigung, Abtorfung und landwirtschaftliche Nutzung haben das Gesicht der ursprünglichen Landschaft grundlegend verändert. Aus Bruchwäldern, Flussauen und Niedermooren entstanden nahezu gehölzfreie und stark segmentierte Flächen, die zeitweise intensiv bewirtschaftet wurden. Aktuell liegt der Waldanteil in den Teilzonen des Vogelschutzgebietes zwischen 1,2 und 8,5 Prozent. Ab den 1990er Jahren wurden verschiedene Schutzmaßnahmen eingeleitet, welche die Regeneration und Bewahrung der natürlichen Flora und Fauna zum Ziel haben.
Das Vogelschutzgebiet umfasst folgende Teilbereiche:

  1. Als Unteres Rhinluch werden die Niederungen des Flusses Rhin, einem Nebenfluss der Havel, im nördlichen Teil des Gesamtkomplexes bezeichnet. Bruchwälder, Gräben und Feuchtwiesen charakterisieren dieses Teilgebiet. Angrenzend gelegen sind der Dreetzer See mit ausgedehnten Verlandungsflächen sowie die Prämer Berge, die als trocken-warme Binnendünen inmitten eines Feuchtgebietes eine besondere ökologische Stellung innehaben.
  2. Das Havelländische Luch bildet das Zentrum des Havellandes und liegt westlich von Berlin. Es wird durch den Havelländischen Hauptkanal entwässert und ist von unterschiedlich stark landwirtschaftlich genutzten Flächen geprägt.
  3. Die Belziger Landschaftswiesen am südlichen Rand des Schutzgebietes weisen zahlreiche Fließgewässer sowie weite Moorflächen auf.

Bedeutung für den Vogelschutz

Die Niederungslandschaft gehört als Europäisches Vogelschutzgebiet zum Schutzraumnetz Natura 2000, welches der Erhaltung von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten und ihrer Lebensräume dienen soll. Es bildet gemeinsam mit den unmittelbar angrenzenden SPA der Havelniederung ein unverzichtbares Brut- und Rastgebiet auf den länderübergreifenden Zugrouten europäischer Wildvögel. In den Schutzzonen treten unter anderem Saat- und Blessgänse mit Populationen von bis zu 50 000 Individuen auf, aber auch Kiebitze, Kraniche und Goldregenpfeifer rasten oder überwintern regelmäßig auf den nahrungsreichen Flächen. Bei Überflutung der Wiesen sammeln sich außerdem verschiedene Gründelentenarten.
Im Jahr 2005 wurden im gesamten Schutzgebiet über 170 Vogelarten registriert, darunter waren 110 Brutvogelarten und 30 Rote Liste Arten. Hierzu gehören beispielsweise Fischadler (Pandion haliaetus) Tüpfelsumpfhuhn (Porzana porzana), Wachtelkönig (Crex crex) und Weißstorch (Ciconia ciconia). Weitere wertgebende Vogelarten gemäß Anhang I der Vogelschutzrichtlinie sind unter anderem Bruchwasserläufer (Tringa glareola), Eisvogel (Alcedo atthis), Heidelerche (Lullula arborea), Neuntöter (Lanius collurio) und Ziegenmelker (Caprimulus europaeus). Auch von Sperbergrasmücke (Sylvia nisoria), Bekassine (Gallinago gallinago) oder Ortolan (Emberiza hortulana) konnte eine nennenswerte Anzahl von Brutpaaren beobachtet werden. Für die stark gefährdete Großtrappe (Otis tarda) stellen insbesondere das Havelländische Luch und die Belziger Wiesen die letzten Rückzugsräume Deutschlands dar. (Quelle: www.lugv.brandenburg.de)
Dank der Schutz- und Renaturierungsmaßnahmen konnten sich die Lebensräume teilweise regenerieren und weisen heute unterschiedliche Vegetationstypen auf. Neben feuchten Hochstaudenfluren finden sich magere Mähwiesen, Eichen- und Auwälder und über Sandböden sogar seltene Trockenrasengesellschaften. Speziell in den Landschaftswiesen hat sich bedingt durch die hohe Fließgeschwindigkeit und Nährstoffarmut der Gewässer eine seltene, spezialisierte Flora und Fauna entwickeln können. Gelegentliche Massenaufkommen von Kranichen oder Rohrweihen sind stets ein besonderes Naturereignis für Vogelbeobachter und sprechen für eine Erholung der Bestände. Auch die hier erfolgreich brütende Großtrappe kann eine positive Bestandsentwicklung verzeichnen.

Erhaltungsziele und Schutzmaßnahmen

Trotz gravierender Landschaftsveränderungen haben sich in der Region ausreichend Areale erhalten, die einen wertvollen Lebensraum für zahlreiche Vogelarten darstellen. Vor allem das Havelländische Luch weist Teilzonen mit hervorragendem bis durchschnittlichem Erhaltungszustand auf. Viele gefährdete Pflanzen und Tiere haben hier ihre Heimat. Als ein Europäisches Vogelschutzgebiet besitzen Havelländisches Luch und Belziger Landschaftswiesen den Status von Naturschutzgebieten, das Untere Rhinluch befindet sich seit 1994 im Ausweisungsverfahren.
Übergeordnetes Erhaltungsziel ist die Wiederherstellung artgerechter Lebensräume für die hier vorkommenden Vogelarten. Hierzu wird die Schaffung zusammenhängender und störungsfreier Großflächen angestrebt, in denen die Tiere ausreichend Brutreviere und ein angemessenes Nahrungsangebot vorfinden. Das zuständige Landesamt für Umwelt in Brandenburg formuliert folgende Ziele:

  • Wiederherstellung von Ausschnitten der ortstypischen Luchlandschaft in charakteristischer Weise
  • Schaffung mosaikartiger Agrar- und Grünlandflächen als abwechslungsreiche, großräumige Offenlandstrukturen
  • Sanierung des Wasserhaushaltes mit periodischen Überflutungen und hohen Grundwasserständen
  • Zulassen der natürlichen Sukzession insbesondere in Gewässernähe

Grundlegend für die zukünftige Entwicklung des SPA (Special Protection Area) ist die Regeneration der natürlichen Pflanzengesellschaften. Vielfältige Lebensräume und Nischenhabitate ermöglichen in der Folge die Ausbildung einer artenreichen Insekten- und Amphibienfauna, welche Nahrungsgrundlage für verschiedene Vogelarten sein kann.

Der Managementplan des Vogelschutzgebietes empfiehlt verschiedene Ansatzpunkte für den langfristigen Natur- und Artenschutz. So soll durch Förderung der Dreifelderwirtschaft mit zeitweisen Brachen die weitere Extensivierung der Flächenbewirtschaftung vorangetrieben werden. Die Bearbeitung von Grünland soll vorzugsweise durch Mahd oder Beweidung erfolgen, und bei der Umwandlung von Saatgras- in Dauergrünland ist auf Düngung und Biozideinsatz zu verzichten. Zur Reduzierung von Nährstoffeintrag, Flächenverbrauch und Störfaktoren dienen die Begrenzung des Viehbesatzes sowie die Anpassung von Wirtschaftsterminen an den Lebensrhythmus der geschützten Arten. Hohe Wasserhaltung und Überstauungen von Flächen sollen die Entwicklung natürlicher, artenreicher Feuchtbiotope ermöglichen.

Heimat der Großtrappe

Das Vogelschutzgebiet Unteres Rhinluch/Dreetzer See, Havelländisches Luch und Belziger Landschaftswiesen ist Heimat der Großtrappe. Engagierte Vogelschützer haben eine Vielzahl von Projekten gestartet, um Großtrappen ein Überleben im Vogelschutzgebiet zu ermöglichen. Und man ist dem Ziel schon einen riesigen Schritt näher gekommen: Inzwischen werden im Havelländischen Luch genügend Küken flügge. Damit kann sich der Bestand selbst erhalten.

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